Zum einen war seit dem Erscheinen meines letzten Buches ziemlich viel Zeit vergangen, und sie wollten wissen, warum es so lange gedauert hatte.
"Klären Sie uns ein wenig darüber auf“, hatte mich jemand von den Verlagsleuten zuvor schon gebeten. "Als wir das letzte Mal von Ihnen hörten, schlugen Sie sich in Los Angeles mit dem Celestine-Filmprojekt herum. Stimmt es wirklich, dass Sie Hollywood als Sodom und Gomorrha bezeichnet haben?" Natürlich hatte ich das, aber es war im Eifer des Gefechts geschehen.
Während der Fahrt durch den New Yorker Großstadtverkehr wurde mir klar, dass die Frage, warum ich für das neue Buch so lange gebraucht hatte, am einfachsten zu beantworten war. Ich konnte meine Standardantwort benutzen: "Weil ich mir dieses Zeug nicht einfach ausdenke."
Die ersten drei Bücher der Celestine-Serie – Die Prophezeiungen von Celestine, Die zehnte Prophezeiung von Celestine, und Das Geheimnis von Shambhala—waren ebensosehr spirituelle Kommentare wie Romane gewesen. Und als solche basierten sie auf realen Phänomenen, auf dem, was ich „Erkenntnisse“ genannt habe, die in Form einer erhöhten Bewusstheit und neuer Einsichten im menschlichen Bewusstsein auftauchen. Ich habe sie als Erkenntnisse bezeichnet, weil wir sie auf diese Weise erfahren: als neue Stufen der Klarheit und Einsicht bezüglich unserer spirituellen Natur. Und im Laufe der Jahre sind diese Erkenntnisse von Millionen Menschen bestätigt worden.
In den ersten drei Romanen hatte ich elf dieser Erkenntnisse präsentiert, und dann hatte ich seitdem die ganze Zeit, wie viele andere, darauf gewartet, dass das alles in einer Zwölften Erkenntnis kulminieren würde. Doch verständlicherweise blieb mir nichts anderes übrig, als geduldig zu warten, bis die Ereignisse und Erfahrungen die neue Erkenntnis bestätigten. Ich musste es erst erleben, ehe ich darüber schreiben konnte.
Während ich wartete, wusste ich nur Eines mit Sicherheit: dass die Zwölfte in natürlicher Weise auf den vorherigen Erkenntnissen aufbauen würde. So können wir erkennen, dass es sich um echte Bewusstseinsveränderungen handelt. Wir bemerken sofort einen Zuwachs an spiritueller Klarheit.
Zum Beispiel sind die beiden vorangegangenen Erkenntnisse, die Zehnte und Elfte, aufschlussreich. Die Zehnte erwuchs aus der Entdeckung, dass Spiritualität mehr ist als eine abstrakte Entscheidung, an Gott zu glauben oder nicht. (Wobei die meisten Leute dazu neigen, nach der Entscheidung zum gleichen praktischen Umgang mit dem Leben zurückzukehren, den sie zuvor praktiziert haben.)
Dennoch bestätigte die Zehnte Erkenntnis, dass es einen Schritt gibt, der über den bloßen Glauben hinausführt. Man konnte an die Tür klopfen und erhielt Zutritt zu einer ganz neuen Welt der Spiritualität, die das gewöhnliche Alltagsleben energetisierte. Es war eine Welt der Intuition und Synchronizität, mit einer deutlichen Erinnerung daran, was unsere Seele sich für dieses Leben vorgenommen hatte. Mit anderen Worten, es handelte sich um die intuitive Einsicht, dass wir aus einem himmlischen Ort auf diese Erde kommen, jeder mit seiner eigenen Mission, die dazu beiträgt, die Welt besser zu machen.
So stellte sich mit der Zehnten Erkenntnis die Gewissheit ein, dass das Jenseits als ein realer Ort existiert, wo die Seelen nicht Harfe spielend auf Wolken herumsitzen, sondern aktiv einen Schicksalsplan für unsere irdische Kultur vorantreiben. Damals nahm das Interesse an Engeln und Nahtoderfahrungen explosionsartig zu, weswegen eine Flut von Büchern und Filmen zu diesen Themen auf den Markt kam.
Natürlich löste die Zehnte Erkenntnis rasch eine Elfte Offenbarung aus: nämlich, wie wir, wenn wir alle hergekommen sind, um eine wichtige Aufgabe zu erfüllen, diese jeweils in die Tat umsetzen können. Was war das Geheimnis eines erfüllten Lebens? Die Elfte Erkenntnis befasste sich mit dieser Frage—wenigstens teilweise. Wir nehmen aktiv an der Erfüllung der großen Bestimmung teil, indem wir uns synchronistisch dorthin führen lassen. Um das zu vollbringen, mussten wir bestimmte spirituelle Prinzipien anwenden—"Gebet," "das Gesetz der Anziehung," und eine „Glauben“ genannte Kraft, die bislang von keiner Religion oder Philosophie in hinreichender Klarheit beschrieben worden war.
Ich war dennoch überzeugt, dass die Zwölfte Erkenntnis uns ein vollständiges Bild davon liefern würde, wie wir in dieser Hinsicht unsere Träume aktualisieren können. Aber herbeizwingen ließ diese Erkenntnis sich nicht. Wir würden abwarten müssen, bis die neue Klarheit sich einstellte. Vielleicht würden wir sogar für eine gewissen Zeit Prüfungen ausgesetzt werden, die unsere rein materielle, säkulare Weltsicht in Frage stellen würden. Dann lieferte die durch Gier und Korruption ausgelöste Finanzkrise uns tatsächlich starke Impulse, die geheimnisvollen Schlüssel zum spirituellen Leben endlich ernst zu nehmen.
Während ich meinen Gedanken nachhing, machte der Wagen einen leichten Schlenker, und ich bemerkte, dass der Fahrer mich im Rückspiegel ansah.
"Wir sind gleich beim Verlagshaus angekommen," sagte er. "Und ich würde gern etwas über Ihr neues Buch erfahren. Wovon handelt es genau? Wie passt es zu all den verrückten Dingen, die gegenwärtig geschehen?"
"Können Sie Gedanken lesen?", fragte ich und musste lachen.
Er zuckte mit den Achseln.
Ich schaute ihn einfach einen Moment an und mir wurde klar, dass dieser Fahrer einen Moment der Synchronizität geschaffen hatte. Das würden mich die Verlagsleute gewiss auch fragen, und es war eine wirklich gute Frage. Wie passte das Buch in die zynische Oberflächlichkeit hinein, die gegenwärtig auf der Welt vorzuherrschen schien?
Dann floss die Antwort aus mir heraus. Die Zwölfte Erkenntnis beruht auf unser aller Bedürfnis, dem entgegenzuwirken, was wie ein rapider Niedergang der menschlichen Kultur aussieht. Die lange andauernden Kriege und politischen Spannungen besserten sich in keiner Weise. Schlimmer noch, diese Spannungen schienen immer stärker auf eine unvermeidliche atomare Konfrontation hinauszulaufen.
Ebenso problematisch ist der Zustand der individuellen zwischenmenschlichen Beziehungen. Unsere alltäglichen sozialen Begegnungen sinken anscheinend auf das Niveau einer rund um die Uhr laufenden Jerry-Springer-Show herab. Am abstoßendsten ist die Politik. Gerade erst hatten wir doppeltes Pech gehabt: Nach Jahren extremer Gier und unvernünftigen Wirtschaftens war uns eine erleuchtetere und transparentere Politik versprochen worden. Doch dann mussten wir entsetzt miterleben, wie, besonders in den USA, das politische Leben auf ein noch schlimmeres Niveau von Hinterzimmer-Kungelei, Korruption und verlogenen Schlammschlachten herabsank.
Selbst noch angesichts des tragischen Attentats auf eine US-Kongressabgeordnete, wusste die politische Linke und Rechte nichts Besseres zu tun, als die Propaganda-Karte zu spielen, um daraus Kapital zu schlagen -- nicht weil sie von der Wahrheit ihrer Argumente überzeugt waren, sondern weil sie sich ausrechneten, dass niemand deren Verlogenheit bemerken würde.
Das Gesicht meines Fahrers im Rückspiegel war ernst, während ich versuchte, ihm meine Theorie zu erklären, dass Unaufrichtigkeit, psychologische Manipulation und offenkundige Korruption ein kritisches Maß überschritten haben und eine Wende bevorsteht. Eine neue, idealistischere gesellschaftliche Mitte ist dabei, sich zu formieren, zusammengeschweißt durch das gemeinsame Entsetzen angesichts des Mangels an Integrität und Mitgefühl in der bisherigen Politik und Ökonomie.
Und so, wie der Mangel an Integrität oft damit gerechtfertigt wird, dass das Universum nun einmal chaotisch und ohne Sinn sei, basiert die neue soziale Gegenbewegung auf der Wahrnehmung, dass in Wahrheit das genaue Gegenteil der Fall ist -- dass nämlich im Universum eine spirituelle Dynamik am Werk ist, eine, deren Existenz sich jeder von uns selbst beweisen kann und zu der wir bewusst in Harmonie gehen können.
Dieser Eindruck speist sich aus der Mehrheitsmeinung, dass wir „ernten, was wir gesät haben“. Oder: „Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus.“ Und aus der Idee, die sich in allen religiösen Tradition findet, dass uns viel gegeben wird, wenn wir uns im Kleinen, im Alltag, ehrenwert verhalten.
Der erste Schlüssel, um uns dieses wunderbare Potenzial des Universums zu erschließen, besteht offenbar darin, dass wir unsere eigene höchste Wahrheit ehren und anderen mitteilen, und zwar so offen und klar wie möglich. Das Leben ist eigenartig. Man hat fast den Eindruck, dass die ganze Welt erst den unehrlichen, manipulativen Weg für eine Weile beschreiten musste -- als müssten wir uns selbst beweisen, wie unangenehm die Lage werden kann --, ehe wir unst ernsthaft der anderen Seite der Gleichung zuwenden konnten. Letztlich zeigt sich aber, dass ein aufrichtiges, authentisches Leben der einzige Weg ist, wie wir das Gesetz der Anziehung, die Kraft des Gebets und die synchronistische Hilfe aktivieren können.
Der Wagen stoppte plötzlich vor dem Verlagshaus. Mein Fahrer lächelte, offensichtlich zufrieden mit meiner Antwort aus dem Stegreif.
"Viel Glück," sagte er.
"Danke, dass Sie mir Gelegenheit zum Üben gegeben haben", antwortete ich.
Drinnen setzte ich mich zu dem vollständig versammelten Verlagsteam an den Tisch und diskutierte mit ihnen die gleichen Ideen, wobei wir aber das Buch aus einer noch höheren Perspektive betrachteten. Wir ordneten das vereinigte gesellschaftliche Engagement gegen Korruption ein in das weltweite Phänomen einer neuen spirituellen Sensibilität, einer Art von „spiritueller Authentizität“, die sich aus dem besten spirituellen Wissen der ganzen Welt speiste -- und zugleich die reiche Vielfalt der religiösen Traditionen respektierte.
Schließlich sagte meine Verlegerin: „Ich glaube, das Buch braucht eine Art Countdown. Sie sollten bis zu seinem Erscheinen in jeder Woche etwas über das Buch schreiben, um Ihren Standpunkt deutlich zu machen."
Später, bein Hinausgehen, sagte jemand: "Schreiben Sie diese Artikel ganz spontan -- einfach ein Tag aus dem Leben des James Redfield. Machen Sie deutlich, was Sie wirklich bewegt." Sein Lächeln war ansteckend.
Einen Moment fragte ich mich, wie solche knappen, klaren, geradeheraus geschriebenen „Countdown-Texte“ aussehen könnten, dann erinnerte ich mich sofort an die vielen Gedanken, die während der Fahrt zum Verlag regelrecht aus mir herausgesprudelt waren, was ich zum Teil meinem Fahrer verdankte.
"Okay“, sagte ich. „Ich denke, ich kann das. Schließlich ist es der erste Schritt zur Zwölften Erkenntnis.“
